Karriere

Beschäftigte wollen sinnstiftende Arbeit

New Work war ein zentrales Thema des Flensburger Fachkräftetages 2023. Keynote-Speaker und Philosoph Christian Uhle erläuterte, warum kommunale Unternehmen diesbezüglich im Vorteil sind, und warum dennoch Sinnkrisen entstehen können.
15.11.2023

Der Philosoph Christian Uhle denkt über Grundsatzfragen unserer Gegenwart nach. Und fragt, wann Arbeit Sinn macht.

Bereits im Jahr 2035 rechnet Schleswig-Holstein mit einem Fachkräftemangel von rund 300.000 Personen. Doch wie können Unternehmen diesen Herausforderungen begegnen? Und wie erzielen sie einen Wettbewerbsvorteil als attraktiver Arbeitgeber?

Die IHK Flensburg lud am 14. November zum Fachkräftetag und wir stellten Fragen – an Michael Schack, Bereichsleiter Bildung und Fachkräfte, und den Gastredner Christian Uhle, Philosoph und Buchautor. Dabei ging es nicht nur um die Chancen von New Work, sondern auch um die Hindernisse. Und um die Frage, warum viele Beschäftigte mit Sinnkrisen zu kämpfen haben.

"New Work beschreibt eine Transformation entlang der vier Achsen: Flexibilität, Führung, Organisation, Sinn."
Christian Uhle, Philosoph

Herr Schack, warum wurde New Work zu einem Schwerpunktthema des Fachkräftetages?

Viele Unternehmen eröffneten während der Corona-Pandemie Wege, um Home Office oder hybrides Arbeiten zu ermöglichen. Nun treten die Vor-, aber auch die Nachteile von New Work zutage. Gerade für jüngere Beschäftigte sind Werte wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder eine größere Arbeitsautonomie wichtiger geworden. Andererseits droht sich der soziale Kontext am Arbeitsplatz aufzulösen: Wie viel New Work lässt sich mit den wirtschaftlichen Anforderungen vereinbaren? Was tun, wenn bei Teilen der Belegschaft die Präsenz unumgänglich ist, bei anderen nicht? Diese Themen stießen auf großes Interesse von Seiten der Unternehmen.

Wie können kommunale Unternehmen konkret von den Ideen profitieren?

Binnen kurzer Frist gehörte der Hinweis auf flexible Arbeitsformen zu jeder Stellenausschreibung. Dahinter steckt ein allgegenwärtiger Personalmangel, den über die Hälfte unserer Mitgliedsunternehmen als größtes Geschäftsrisiko einschätzen. Wir sind daher über New Work aber auch über Aspekte wie die Kompetenzentwicklung der Mitarbeitenden oder die Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen in den Austausch gegangen. Hiervon können alle Unternehmen profitieren, um gut ausgebildete Fachkräfte zu gewinnen und zu binden. Wir wollten in den Dialog über die Probleme kommen, vor denen die Unternehmen und Beschäftigten angesichts der Transformation der Arbeitswelt stehen.

"New Work ist mehr als nur Home-Office und die Einführung neuer Technologien. Es ist ein grundsätzlicher Wertewandel in der Arbeitswelt hin zu mehr Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung."
Christian Uhle, Philosoph

Herr Uhle, als Philosoph beschäftigen Sie sich mit der Frage der Menschen nach dem Sinn ihrer Arbeit. Bietet New Work hier nicht ein großes Potenzial? Dennoch sehen Sie die Arbeitenden oft noch in einer Sinnkrise.

Es stimmt: Sinnkrisen am Arbeitsplatz sind heutzutage sehr verbreitet. Repräsentative Umfragen zeigen, dass mehr als ein Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland keinen Sinn in ihrer Tätigkeit sehen. Für sie ist es schlicht ein Job, der die Miete zahlt. Für manche ist das in Ordnung, aber für viele Betroffene senkt es die Motivation und auch das persönliche Lebensglück. Auch für die Unternehmen ist dies problematisch, weil Angestellte, die ihre Tätigkeit als sinnlos empfinden, weniger engagiert sind, häufiger fehlen und schneller gewillt sind, das Unternehmen zu wechseln. All das ist empirisch gut belegt. New Work ist mehr als nur Home-Office und die Einführung neuer Technologien. Es ist ein grundsätzlicher Wertewandel in der Arbeitswelt hin zu mehr Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Insofern reagiert New Work auf das gegenwärtig verbreitete Sinnproblem.

Sie betonen, dass es den Beschäftigten neben mehr Autonomie auch vor allem um den übergeordneten „Purpose“ ihrer Tätigkeit geht. Wo sehen Sie hier die kommunale Wirtschaft?

Ein erkennbarer „Purpose“ des Arbeitgebers ist keine Garantie dafür, dass die Mitarbeitenden die Tätigkeit als sinnvoll erfahren. Das sieht man beispielsweise in NGOs, die prinzipiell einen großen Mehrwert für die Gesellschaft bieten. Wenn die einzelnen Menschen aber das Gefühl haben, gegen Windmühlen zu rennen, von ihren Vorgesetzten nicht anerkannt zu werden oder einfach den Eindruck haben, ihre persönliche Rolle in dem sinnvollen Ganzen ist letztlich überflüssig – dann können trotzdem Sinnkrisen entstehen. Gleiches gilt für kommunale Unternehmen. Ihr eindeutiger gesellschaftlicher Mehrwert garantiert keine persönliche Sinnerfahrung der Mitarbeitenden. Sinn ist eine sehr vielschichtige Erfahrung.

 

"Etwa ein Drittel aller Arbeitnehmer sind so unzufrieden mit ihren Vorgesetzten, dass sie eine Kündigung in Betracht ziehen."
Christian Uhle, Philosoph

Sind Führungskräfte also gefordert, ihre Mitarbeitenden bei der Sinnsuche zu unterstützen? 

Führungskräfte sind ein sehr wesentlicher Faktor dabei, ob Mitarbeitende ihren Job als sinnvoll erfahren. Der Veränderungsdruck ist hoch. Gleichzeitig setzt sich kaum jemand differenziert mit den Fragen auseinander, was „Sinn“ eigentlich ist und welche Faktoren dazu führen, dass Menschen im Leben oder in der Arbeit Sinn empfinden. Etwa ein Drittel aller Arbeitnehmer sind so unzufrieden mit ihren Vorgesetzten, dass sie eine Kündigung in Betracht ziehen. Das wird schon heute zum Nachteil für Unternehmen. Aufgrund des demographischen Wandels und des perspektivisch noch härteren Arbeitnehmermarktes wird sich das weiter verschärfen. Führungskräfte spielen also eine wichtige Rolle. Gleichzeitig sind natürlich auch die Kultur und Strukturen im Unternehmen enorm wichtig. New Work beschreibt eine Transformation entlang der vier Achsen: Flexibilität, Führung, Organisation, Sinn. Eine solche Transformation bezieht das Führungsverhalten also mit ein, reicht aber darüber hinaus.

Das Interview führte Boris Schlizio